Autonome Schreibgruppenarbeit an der Universität:
Explorative Studie zu einem schreibdidaktischen Seminarkonzept für Studierende der Kulturwissenschaften an der Europa Universität Viadrina

Dissertation Katrin Girgensohn
Zusammenfassung


Die Arbeit beschäftigt sich mit einem innovativen schreibdidaktischen Seminarkonzept für Studierende der Kulturwissenschaften an der Europa Universität Viadrina.
Einführend wird ein Überblick über die Disziplin der Schreibdidaktik gegeben, in der die Arbeit verortet ist. Da die Schreibdidaktik im europäischen Raum ein vergleichsweise junges Fachgebiet ist, bezieht er sich zunächst auf die deutlich ausgeprägtere Tradition im US-amerikanischen Raum. Dort hat sich mit dem Fach "Compositon" als Lehre des akademischen Schreibens ein breiter Diskurs zu Fragen rund um die Lehr- und Lernbarkeit des Schreibens entwickelt. Ein Überblick zeichnet die wichtigsten Entwicklungen der Schreibprozessforschung nach und erläutert die drei Hauptelemente der Schreibdidaktik an den dortigen Universitäten: Das Fach "Composition" als obligatorische Einführung für Studierende aller Disziplinen; "Writing Center" als Orte für individuelle Schreibberatung von Studierenden für Studierende und "Writing across the Curriculum" als eine Bewegung, die das Schreiben gezielt als Lernmedium in die Lehre aller Fächer integriert. Daran anschließend wird die europäische Entwicklung skizziert, die an diese prozessorientierte Schreibdidaktik anknüpft. Dabei müssen jedoch die akademischen Traditionen berücksichtigt werden. Der Gedanke, dass Schreiben lehrbar ist und auch gelehrt werden sollte, ist hierzulande noch relativ neu. Gezielte Schreibanleitungen in Curricula sind selten, da davon ausgegangen wird, dass mit der Hochschulreife auch die erforderliche Schreibkompetenz mitgebracht wird. Die steigende Zahl von hochschulischen Schreibzentren in Europa und Deutschland sowie neue Fachverbände und Fachzeitschriften zeugen jedoch von einem Wandel, der von einigen Forschenden als "historischer Punkt" bezeichnet wird. Dieser Wandel ist auch im Kontext des Bologna-Prozesses zu sehen. Die Hochschulen sind stärker als zuvor gefragt, auch berufsvorbereitend zu bilden. Sie müssen Schlüsselqualifikationen, zu denen auch das Schreiben gehört, vermitteln. Zudem werden neue Anforderungen an die Hochschuldidaktik gestellt. In diesem Kontext gewinnt das Schreiben als Lernmedium an Bedeutung.

Das in der Arbeit vorgestellte Seminar wurde in diesem Zusammenhang konzipiert. Es soll praxisrelevante Fertigkeiten für BA-Studierende der Kulturwissenschaften vermitteln. Ausgehend von der Beobachtung, dass viele Studierende in Universitätsseminaren zu Passivität neigen und Schreiben oft als lästige Pflichterfüllung sehen, ist es ein Ziel dieses Seminars, die Studierenden zu aktivieren und zum Schreiben zu motivieren. Zum Semesterauftakt macht die Seminargruppe zunächst eine Exkursion. An einem Wochenende, an dem die Gruppe unter einem Dach wohnt und sich selbst versorgen muss, bekommen die Studierenden Hintergrundinformationen zur Schreibprozessforschung und sammeln erste Schreiberfahrungen. Sie arbeiten dabei an Schreibstationen, die an eine von Hanspeter Ortner aufgestellte Typologie von professionell Schreibenden angelehnt sind und entwickeln so ein Bewusstsein für die Bandbreite eigener und fremder Schreibstrategien (Ortner 2000). Die Exkursion ermöglicht zudem ein intensives Kennenlernen der Studierenden untereinander. Im weiteren Semesterverlauf arbeiten die Studierenden in kleinen autonomen Schreibgruppen weiter. Sie treffen sich wöchentlich, um Schreibaufgaben zu lösen. Die Schreibaufgaben werden wechselweise in Absprache mit der Dozentin vorbereitet. Die Dozentin ist nicht anwesend bei den Gruppentreffen, sondern schafft die strukturellen Rahmenbedingungen und begleitet die Lernprozesse in der Rolle einer Lernberaterin im Hintergrund. Um den Prozesscharakter des Schreiben Lernens zu unterstreichen, werden die in den Gruppen entstandenen Texte erst am Semesterende eingereicht. Bewertungsgrundlage sind bei diesem Seminar in erster Linie die aktive Teilnahme und die reflexiven Protokolle, die die Studierenden zu den Gruppensitzungen schreiben, die sie leiten.

Das Forschungsdesign zur Untersuchung dieses Seminars richtet sich nach der Grounded Theory Methodologie (GTM) in der Modifizierung von Anselm Strauss und Juliette Corbin (Strauss und Corbin 1996). Entsprechend ist die Fragestellung der Forschungsarbeit zunächst nicht festgelegt. Vielmehr geht es darum, theoretische Konzepte im Verlauf der Untersuchung zu entdecken und dann zu überprüfen, ob sie sich an den Daten bewähren (Hildenbrand 2003, S. 33). Die anfängliche Fragestellung der Untersuchung lautete: Inwiefern löst die Schreibgruppenarbeit Veränderungen aus? D.h. welche Veränderungen kann man z.B. im Schreibverhalten, bei der Interaktion oder an den Texten der Studierenden feststellen und auf die Schreibgruppenarbeit zurückführen? Im Forschungsverlauf entwickelte sich dann folgende Fragestellung: Was ist aus Sicht der Studierenden das Wesentliche an diesem Seminar? Was sind förderliche oder hinderliche Bedingungen für das Schreiben Lernen? Die Datenbasis für die Untersuchung bilden zehn problemzentrierte Einzelinterviews und vier Gruppendiskussionen. Darüber hinaus wurden Beobachtungen, Protokolle und Texte der Studierenden in die Analyse einbezogen.
Die GTM verläuft zirkulär, d.h. einzelne Arbeitsschritte werden immer wieder durchlaufen. Ein elementares Hilfsmittel ist die Arbeit mit dem "paradigmatischen Modell", das gezielte Fragen an die entdeckten Phänomene stellt und so ein strukturierteres Denken unterstützt. Gefragt wird nach Ursachen, Kontext und intervenierenden Bedingungen, nach Handlungs- und Interaktionsstrategien sowieso nach den Konsequenzen der Phänomene. Das paradigmatische Modell wird als Hilfsmittel sowohl eingesetzt, um einzelne Beobachtungen zu verstehen, als auch, um schließlich alle Beobachtungen in ein Gesamtbild zu integrieren.

Als Ergebnis der hier vorgestellten Untersuchung wurde deutlich, dass ein Phänomen für das Lernen der Studierenden von herausragender Bedeutung ist: Es wurde von einer Studentin als "der soziale Faktor" bezeichnet und meint die Lerngruppe als vertraute Gemeinschaft. Sie ermöglicht es den Studierenden, sich auf das Schreiben einzulassen, vieles auszuprobieren und sich auszutauschen. Diese Gruppe muss selbst gewählt, gleichberechtigt und eigenverantwortlich sein. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, funktioniert das Konzept nicht. Ist "der soziale Faktor" vorhanden, wird es für die Studierenden möglich, sehr breit gefächerte Erfahrungen mit dem Schreiben zu sammeln. Sie erleben, dass Schreiben unterschiedliche Funktionen haben kann, die über die Wissen darstellende, "rhetorische Funktion" hinaus gehen. Sie erleben Schreiben in persönlichkeitsfördernder, kommunikativer, heuristischer und hedonistischer Funktion. Jede dieser Funktionen wird in der Arbeit definiert und erläutert.

Im Mittelpunkt der abschließenden Ergebnisdiskussion steht die Frage, wieso aus dem Erleben dieser verschiedenen Funktionen Schreibkompetenzen resultierten, die für die Studierenden an der Universität relevant sind. Verschiedene theoretische Positionen machen deutlich, dass Schreibkompetenz aus Selbstorganisationspotenzialen besteht, die sich durch Handlungen bilden. Jede der herausgearbeiteten Funktionen des Schreibens steuert Dispositionen bei, die für Studium, Wissenschaft und Forschung wichtig sind. Die persönlichkeitsfördernde Funktion des Schreibens unterstützt zum Beispiel Bildungsprozesse, die über Wissenserwerb weit hinaus gehen. Sie kommt dem Bildungsideal entgegen, das schon Wilhelm von Humboldt aufstellte. Die kommunikative Funktion des Schreibens kann zu besseren Kommunikationsformen in der Wissenschaft beitragen. Im Wortsinn von communicare ist dabei das gemeinschaftliche Tun enthalten, durch das Forschung erst fruchtbar wird. Die heuristische Funktion ermöglicht das Entdecken und Entwickeln neuer Ideen durch das Schreiben und ist, besonders in den Geisteswissenschaften, ein unersetzliches Forschungswerkzeug. Die hedonistische Funktion des Schreibens fördert intrinsische Motivation, ohne die nachhaltige Lernprozesse kaum denkbar sind. Die rhetorische Funktion des Schreibens schließlich ermöglicht erst adäquate Darstellungsformen. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist deshalb ein Apell für ein Gleichgewicht zwischen Prozess- und Produktorientierung in der Schreibdidaktik. Es ist notwendig, die Didaktik des akademischen Schreibens weit genug zu fassen, um möglichst verschiedene Funktionen des Schreibens zu integrieren. Darüber hinaus liefert diese Arbeit einen Impuls für die Hochschuldidaktik im Allgemeinen, der über die Fragen nach Schreibkompetenz hinaus geht: die sozialen Dimensionen des Lernens dürfen auch an der Hochschule nicht außer Acht gelassen werden. Aktivierende Lernformen, selbststeuerndes Lernen, Lernerautonomie und eine veränderte Rolle der Lehrenden müssen gefördert werden.